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Die „New Work“ – flexibel, individuell und selbstbestimmt

Die Protagonisten der vorherrschenden Digitalisierungsdebatten – allen voran Vertreter*innen einer gut ausgebildeten Arbeitnehmerschaft, leistungsstarke Kopfarbeiter*innen, digitale Avantgarden und Leader aus Industrie und Wirtschaft – formen den Begriff der Digitalisierung zu einem Schlagwort, dass synonym für die großen Vorteile, Chancen und neuen Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter verwendet wird. Die neue Arbeitswelt, gerne als New Work betitelt, ist ihnen zufolge flexibel, individuell und selbstbestimmt und sie bietet Lösungen u. a. für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Und ja, sie birgt auch Herausforderungen, denen jedoch durch Anpassung der Unternehmen, ihrer Leistungen, Arbeitsabläufe und Produkte an digitale Technologien und soziale Innovationen begegnet werden kann. Dank digitaler ThinkTanks, Innovation Labs und Hubs, in denen die passenden Strategien für das digital Management und Leadership während flexibler Arbeitszeiten und Coffee-to-go -Kreativpausen entwickelt werden, ein wohl machbares Problem. Oder?

Die andere Seite – wo Licht ist, ist auch Schatten

Wenn auch hier zugespitzt zusammengefasst: Die öffentlichkeitswirksamen Auseinandersetzungen zum Thema in Fachbeiträgen, allgemeinen Medien und sozialen Netzwerken konzentrieren sich einerseits auf wenige, ausgewählte Branchen und andererseits mehrheitlich auf Entwicklungsströme und Arbeitssituationen, wie sie nur für einen Teil der Beschäftigtengruppen zur Realität gehören und auch in absehbarer Zukunft gehören werden.

Analysiert man beispielsweise die oft erwähnte Aussage, dass der digitale Wandel ein selbstbestimmteres, zeit- und ortsungebundenes Arbeiten ermöglicht, erkennt man schnell, dass der Status Quo ein anderer ist. So nutzen laut dem D21-Digital-Index 2018/2019 derzeit lediglich 16 % der Arbeitnehmer*innen sowie der Selbständigen Telearbeit, Homeoffice oder mobiles Arbeiten. Für einen großen Teil dieser sind die im Kontext der New Work-Bewegung postulierten Arbeitsformen einfach nicht mit dem Beruf oder dem Unternehmen zu vereinbaren. Ganz im Gegenteil erschwert das Privileg der selbstbestimmten, flexiblen Arbeitszeitgestaltung der einen sogar die Arbeitszeitgestaltung der anderen – zum Beispiel der Beschäftigten im stationären Einzelhandel. Denn mit ihr vermehren sich auch die zeitlichen Interessen in der Nachfrage von Dienstleistungen und Produkten, die unter anderem eine zunehmende Deregulierung der Ladenöffnungszeiten bedingen. Für die hiesigen Beschäftigten folgen oft eine Ausdehnung der täglichen Arbeitszeit und eine Zunahme von Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit. Die Vereinbarung von Beruf und Privatleben wird hier eher zur Mammutaufgabe. Und auch prekäre Beschäftigungsverhältnisse (Minijobs, Teilzeit, …) nehmen zu, um seitens der Betriebsorganisation möglichst flexibel auf die gegebenen Zeitanforderungen reagieren zu können.

Abseits des Rampenlichts

Obwohl diese Erkenntnisse und deren Folgen für die Arbeitnehmer*innen längst bekannt und ausreichend erörtert sind, lassen die oben angesprochenen ThinkTanks, Innovation Labs und Hubs im stationären Einzelhandel (und anderen Bereichen) auf sich warten. Und auch die mediale und institutionelle Aufmerksamkeit ist weit entfernt vom Rampenlicht anderer Segmente. Dabei hat die Branche einen großen Bedarf, um gegen die wachsende Online-Konkurrenz standhalten zu können. So bietet die Digitalisierung hier enorme Chancen, um die unbestreitbaren Vorteile gegenüber dem Versandhandel – z. B. der gute Service und die kompetente Beratung – auszubauen und ein wettbewerbsfähiges Kauferlebnis mit Mehrwert zu entwickeln. Zugleich eröffnet sie die Möglichkeiten Geschäftsmodelle zu etablieren, die zu einer positiven Entwicklung von Arbeitsbedingungen beitragen.

Hier als auch in anderen Segemnten bedarf es daher an ein deutliches Mehr an branchenübergreifender institutioneller und medialer Aufmerksamkeit, an Austausch und breiterer Vernetzung, sowie an Qualifizierung und Beteiligung, um die Entwicklungen nicht nur für wenige Branchen und einer auserlesenen Unternehmer- und Arbeitnehmerschaft voranzutreiben und transferieren zu können.